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      Wasserwelten

      Musik im Osthafen
      von Angela Martin
      Berliner Geschichtswerkstatt e.V.

      „Die Musik spielt an der Spree“ und „Berlin gibt den Ton an“ – spätestens seit die Zentrale von Universal Music 2002 ein ehemaliges Eierkühlhaus im Berliner Osthafen bezogen hat, gilt Berlin als Musikhauptstadt Deutschlands und die Oberspree zwischen Jannowitzbrücke und Elsenbrücke als angesagte Adresse für Musik- und andere Medienunter- nehmen.
      Am Kreuzberger Ufer der Spree, wo im 19. Jahrhundert Gewerbehöfe und Fabriken aus dem Boden schos- sen und nach der Teilung der Stadt wieder verfielen, lassen sich jetzt junge Kreative nieder, Tonstudios und Off-Labels nutzen die Lofts mit Blick auf das Wasser. Die Schle- sische Straße ist eine beliebte Aus- gehmeile mit Discos und innovativen Clubs geworden, auch die Köpe- nicker Straße wird langsam schicker.

      Ehemaliges Eierkühlhaus Ostberlins, heute Universal Music Group ©Heimatmuseum Treptow

      So neu sind die angeblich „neuen Töne an der Spree“ allerdings nicht. Schon 1919 hat sich an der Einmün- dung des Landwehrkanals in die Spree ein Musikunternehmen nieder- gelassen, das Musik der zwanziger Jahre in Rillen presste:
      die Carl Lindström AG.
      Zu ihren Labels gehörte Odeon, eines der bekanntesten der Schell- lackplattenzeit.
      Lindström expandierte und wurde bald einer der größten Plattenprodu- zenten auf dem europäischen Konti- nent; auch in Lateinamerika betrieb das Unternehmen Presswerke.
      Allein der Berliner Stammbetrieb produzierte 1925 täglich 150.000 Schallplatten. Außerdem machte sich Lindström mit Grammophonen und Diktiermaschinen („Parlographen“) einen Namen.
      Wahrzeichen der Fabrik war der fast 100 Meter hohe Schornstein, damals einer der höchsten Deutschlands.

      Lindström ©Kreuzbergmuseum, „made in Kreuzberg“, S. 127
      ©unbekannt

      Während der nationalsozialistischen Herrschaft schrumpfte das Musikan- gebot der Firma auf etwa die Hälfte der Titel, weil ein Teil der Musik unter die Zensur fiel. Im Zweiten Weltkrieg wurde zudem ein Teil des Betriebes von Rüstungsunternehmen genutzt. Nach Kriegsende nahm Lindström die Produktion in Berlin nur zögerlich wieder auf;
      1953 wurde sie endgültig eingestellt. Wegen der politisch unsicheren Lage hatte die Firmenleitung die Fertigung nach Köln verlegt.
      Das einstige Fabrikgelände wird vom heutigen Eigentümer als „Wasser- schloss“ vermarktet.
      Zu den prominentesten Mietern ge- hören das Modelabel aemkei aus New York und die Werbeagentur Zum Goldenen Hirschen aus Hamburg. Außerdem haben eine selbst organisierte Filmschule und die Theaterakademie hier ihre Räume.

      Wasserschloss (auf der linken Seite des Bildes) LURI©Steeg

      Zu den ersten, die nach der Wende an der Spree Musik erklingen ließen, gehörte der Verein ART Kombinat. Er startete 1995 die kulturelle Nutzung eines ehemaligen Bus- depots der Berliner Verkehrs- betriebe.
      Im Zentrum der Anlage steht eine freitragende Industriehalle, die 7.000 Quadratmeter überspannt.
      Als sie 1927 gebaut wurde, galt sie als technisches Meisterwerk. Hier finden inzwischen Konzerte von lokalen Heroen wie Seeed oder internationalen Stars wie Manu Chao und Bob Dylan statt. Das „Glashaus“ ist mal Theater, mal Club, auf dem Restaurantschiff MS Hoppetosse wird nach Herzenslust gechillt. Ungewöhnlich ist aber vor allem das Badeschiff vor der Arena. In der Tradition der Flussschwimmbäder er- baut, lockt der mit blauer Folie ausgeschlagene alte Schubleichter seit 2004 zahlreiche Wasserratten und im Winter auch Saunagäste an.

      ©unbekannt
      MS Hoppetosse ©Angela Martin

      Gegenüber, am Friedrichshainer Spreeufer, hat der Musiksender MTV Networks einen einstigen Hafen- speicher bezogen. Der Umzug von München nach Berlin sei unumgäng- lich gewesen, sagt Markus Kavka, Moderator und Produzent bei MTV: „Hier ist die Szene am lebendigsten, Stadt und Sender befruchten sich gegenseitig.“ Auch logistisch ist der Standort sinnvoll, denn in dem restaurierten Lagergebäude ist nicht nur MTV untergebracht, sondern auch der frühere Konkurrenzsender Viva, der seit 2005 ebenfalls zum MTV-Mutterkonzern Viacom gehört. Die Sender teilen sich sogar die Studios. Neben dem historischen Spreespeicher hat MTV einen mo- dernen Neubau errichtet, den ersten auf dem Gelände des einstigen Ost- hafens.

      MTV Neubau LURI©Steeg

      Den Anfang bei der Verwandlung des Osthafens in einen „Medien- hafen“ hat die Universal Music Group gemacht, die zu den weltweit größten Musikkonzernen zählt.
      Mit 500 Mitarbeitern bezog ihre Deutschlandzentrale 2002 ein ehe- maliges Kühlhaus unmittelbar neben der Oberbaumbrücke. Das einstige Eierkühlhaus, in dem noch zu DDR- Zeiten bis zu 75 Millionen Eier ge- lagert wurden, war 1991 stillgelegt worden, ein Jahr später beschlossen die Berliner Hafen- und Lager- betriebe BEHALA, den 1928/29 nach Plänen von Oskar Pusch gebauten Speicher einer neuen Nutzung zuzu- führen. Ab 2000 wurde er zu einem Büro- und Geschäftshaus umgebaut, dabei wurde die ehemals fensterlose Fassade mit dem markanten Rauten- muster zur Spree hin aufgebrochen und mit einer vorgehängten Glas- front versehen.

      Universal Music Group LURI©Steeg

      Zu den Ansiedlungen von MTV und Universal soll sich schon bald die so genannte „Fernsehwerft“ gesellen, die die Berliner Firma A-Medialynx derzeit im ehemaligen Osthafen baut. Zwei je 430 Quadratmeter große Studios für HD-Fernsehtechnik entstehen hier in einem viergeschos- sigen Neubau.
      A-Medialynx arbeitet bereits in den Studios im MTV-Gebäude an der Stralauer Allee und im Haus der alten Hafenverwaltung. „Wir haben noch mehr Platzbedarf“, sagt Helmut Audrit, Geschäftsführer des Unter- nehmens, das Live-Shows für Viva und MTV produziert und Fußball- spiele und die Wetterberichte der Kachelmann-Gruppe überträgt.

      Fernsehwerft der A-Medialynx GmbH LURI©Beckstein

      Die alte Lagerhalle am Spreeufer in der Nähe der Schillingbrücke sieht eher nach Abriss aus. Ohne die mar- kante Leuchtschrift würde man nicht erkennen, dass sich hier das weit über Berlin hinaus bekannte „Maria“ befindet. Benjamin Biel, der Be- treiber, will nach etlichen Umzügen mit seinem Club hier bleiben, jeden- falls hat er im hinteren Teil der Halle unter dem Namen „Josef“ einen weiteren Dancefloor eröffnet.
      Man pflegt den in der Szene be- liebten Retrostil, in den von großen Betonpfeilern dominierten Räumen stehen Sitzgarnituren aus DDR- Hotels. VJs zeigen aufwändige Videoinstallationen, zu hören gibt es eine Mischung aus Independent, Rock, experimentellem Techno und vor allem Elektro. Hier legen nicht nur bekannte DJs auf, das Pro- gramm bietet auch Live-Konzerte. Die Musikzeitschrift „Intro“ orga- nisiert hier Konzert- und Club- Marathons, auch die Transmediale ist regelmäßig zu Gast.

      Maria (und Josef) ©Angela Martin
      Maria (und Josef) ©Angela Martin

      Nebenan zieht das „Radialsystem“ Kulturinteressierte aus ganz Berlin an. Im September 2006 wurde es im ehemaligen Pumpwerk V eröffnet, einem Schmuckstück alter Industrie- architektur. Bis 1999 war dieses Pumpwerk als Teil eines radial ange- legten Abwassersystems in Betrieb. Baustadtrat James Hobrecht hatte damit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem stinkenden, von Seuchen bedrohten Berlin eine vorbildlich saubere Stadt gemacht. Bis heute funktioniert das alte Ab- wassersystem. Die historische Pumpstation wurde von dem Berliner Architekten Gerhard Spangenberg mit einer eleganten Stahl-Glas- Konstruktion umrahmt.
      In kürzester Zeit hat sich das „Radialsystem“ mit Auftritten von prominenten Künstlern wie der Choreographin Sasha Waltz einen Namen gemacht.

      Radialsystem ©Spangenberg Architekten

      Musik im Osthafen
      von Angela Martin
      Berliner Geschichtswerkstatt e.V.

      Die Autorin Angela Martin gehört zum Dampferteam der Berliner Geschichtswerkstatt.
      Mit ihren KollegInnen Sema Binia, Marieluise Handrup und Jürgen Karwelat moderiert sie historische Stadtrund- fahrten auf dem Schiff.

      In einer dreistündigen Fahrt über Spree und Landwehrkanal sind die „Wiege“ Berlins und das neue Re- gierungsviertel zu sehen, Gründer- zeithäuser in Moabit und multikultu- relles Leben in Kreuzberg, alte Ha- fenanlagen und neue Dienstleis- tungspaläste. Ein Schwerpunkt ist die Verwandlung der "Industrie- spree" zur "Mediaspree". Oft beglei- tet ein Überraschungsgast die Tou- ren.
      Neben der Standardfahrt “Ab durch die Mitte” werden Spezialfahrten zu Literatur, Musik, den Vierzigerjahren und anderen Themen angeboten. Für Gruppen arrangiert die Geschichts- werkstatt Sonderfahrten.

      Historische Dampferfahrt

      Reservierung und Infos

      Berliner Geschichtswerkstatt e.V.
      Montag - Freitag, 11 bis 18 Uhr
      Tel: (030) 215 44 50
      Fax: (030) 215 44 12

      E-Mail:
      info@berliner-geschichtswerkstatt.de

      Web:
      www.berliner-geschichtswerkstatt.de





























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      Bundesministerium für Bildung und Forschung Projektträger Forschungszentrum Karlsruhe Bereich Wassertechnologie und Entsorgung Berliner Wasserbetriebe
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