Seit die Spree wieder für alle in Berlin von allen Seiten zugänglich ist, strebt der Kulturbetrieb an die Ufer. Dies verändert zuerst das Leben im Haus der Kulturen der Welt und dann das Haus selbst. Die 1957 eröffnete, damalige Kongresshalle am Rande des Tiergartens war als Tor Westberlins zur Welt konzipiert und ein architektonisches Wahrzeichen der westlichen Moderne. Sie erhebt sich auf einem künstlichen Hügel, das Dach schwingt sich empor wie Schmetterlingsflügel.
Ihre Aufgabe nach dem Willen des Architekten und Gropius-Schülers Hugh Stubbins: über den Fluss hinweg dem „kommunistischen beherrschten Osten“ zu signalisieren, „dass hier der Freiheit des Geistes keine Schranken gesetzt sind“. 1989 wird dieses Bauwerk zum Sitz des neugegründeten Hauses der Kulturen der Welt, finanziert hauptsächlich vom Bundesministerium für Kultur und Medien und vom Auswärtigen Amt. Ein Mix von Ausstellungen, Konzerten, Vorträgen und Diskussionen soll hier von nun an zwischen der Weltsicht europäischer und anderer Gesellschaften vermitteln. Während die Uferwege ausgebaut und der neue Hauptbahnhof angelegt werden, gewinnt das Haus an seiner ehemaligen Hinterseite eine neue Vorderseite. Gepflegte Anlagen laden jetzt dazu ein, Platz zu nehmen und den Blick auf die Spree zu genießen.
Der neue Eingang führt durch eine Cafeteria am Wasser. „Die meisten Menschen kommen jetzt über den Fluss zu uns“, berichtet Bernd Scherer, Intendant des Hauses seit 2006. Er selbst, sagt er, brauche für diesen Weg vom Hauptbahnhof über die Brücke morgens nur 10 Minuten, und fährt fort: „Durch den Umbau des gesellschaftlichen Umfelds hat sich unser Haus in der Stadt neu verortet. Wenn jetzt die Straßen um das Schloss Bellevue wegen Staatsbesuchs gesperrt sind, kann man den Tiergarten über diesen Schleichweg dennoch von der Mitte Berlins her erreichen. Der Fluss verwandelt sich in einen romantischen Ort im Zentrum der Stadt wie auch im Zentrum der Politik“.
„Wegen ihres neuen Umfelds machen die Programmplaner im Haus der Kulturen der Welt Wasser als menschliche Ressource zum Thema. Vorläufiger Höhepunkt wird dabei 2008 das Sommer-Open Air-Festival WASSERMUSIK. Es verbindet Konzerte an der Spree mit Vorträgen und Filmen wie Murnaus Südsee-Epos „Tabu“ oder Dokumentationen mit atemberaubenden Aufnahmen der Surfer auf den Riesenwellen. Hinzu kommen Talkrunden mit Schiffsmechanikern und Ökologen. Ein Workshop stellt die Frage: Was wäre, wenn Berlin in 50 Jahren Südseeatmosphäre hätte?
Während des Festivals setzt sich in der Haupthalle jeden Mittag um 12 Jon Kesslers Installation „The drunken Boat“ in Bewegung“. Ein unter der Decke hängendes Boot rudert gegen das Verhängnis an, aus seinen Lecks regnet es in ein Wasserbecken. Da die Räume des Hauses der Kulturen der Welt fast schrankenlos miteinander verbunden sind, setzt sich das Wasserrauschen durch das gesamte Bauwerk fort. Auch künftig wird das Thema Wasser dieses Haus erfüllen, bald steigend, bald fallend, wie in kommunizierenden Röhren.
Einige hundert Meter weiter, jenseits des Hauptbahnhofs, öffnet im Frühjahr 2008 die Halle am Wasser ihre Türen. Zusammen wächst hier eine Gemeinschaft von sechs Kunstgalerien unter einem gewölbten Metalldach am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal. Angesichts der großen Konkurrenz in der Berliner Galerienszene ein kühnes Unterfangen – gerade auf diesem Territorium. Zwar an der renommierten Invalidenstraße gelegen, doch von dort her nicht einsehbar, verdeckt durch einen fähnchengeschmückten Autosalon, gleicht dieses Brachland bei Sonnenschein auch nach der Neugründung noch eher einem Ort in Arizona.
„Auf dem Schifffahrtskanal ist viel Bewegung", sagt Kristian Jarmuschek, Hauptinitiator des Projektes: „Natürlich ist es im Sommer reizvoll für uns, in unseren seltenen Pausen dort hinaus zu gehen. Aber der Pfad zum Ufer ist unwegsam. Deshalb dient uns das Wasser eher als auszeichnender Namensbestandteil. Wir hoffen, dass sich das ändert". Kaum eine der neuen Kulturstätten am Wasser kommt in ihrer Vorgeschichte ohne märchenhafte Zufälle aus. Hier einer von ihnen: Ende 2004, während der Eröffnung der Rieck-Halle beim benachbarten Hamburger Bahnhof, erspäht aus deren Fenstern Kristian Jarmuschek, bereits Inhaber einer kleinen Galerie in der Sophienstraße, einen 2500 qm großen, spektakulären Schuppen, die spätere Halle am Wasser.
Der Traum von einer zweiten Galerie in diesem Gebild nistet sich in seiner Seele ein. Im Folgejahr führt der Galerist, weil er nach eigenen Worten gern „Leuten etwas über Kunst“ erzählt, eine Gruppe ihm unbekannter Geschäftsleuten durch die Rieck-Halle. Beiläufig erwähnt er auch seinen Traum. Die Herren sehen sich an und lächeln vielsagend. Sie entpuppen sich als Manager der Immobilienfirma Vivico. Das heißt sie verwalten ehemalige Gleisanlagen und Lagerhallen der Deutschen Bahn, darunter auch die von Jarmuschek begehrte.
„Hohe helle Hallen bilden eine Herausforderung für Künstler“, sagt der vom Glück begünstigte Visionär. Zusammen mit Stefan Trinks betreibt er in dem nun durch Wände unterteilten Hangar die Galerie Jarmuschek und Partner. Sie erstreckt sich 12 Meter in die Länge und 8 Meter in die Höhe. Im Vergleich zur alten Galerie in der Sophienstraße nimmt nun gegenüber den Gemälden die Zahl der Installationen zu. Schon kurz nach der Eröffnung breitet sich hier eine große Paletteninstallation des Künstlers Dieter Lutsch aus. Auch in den benachbarten Ausstellungsräumen von Andersen S Contemporary, Arndt & Partner, Frisch, Look und dem Ableger der indischen Galerie Bodhi Art greifen Kunstwerke Raum, für die es bisher in der Stadt keinen Platz gegeben hat.
„New Space for the Arts in Berlin" ist das Motto von Jochen Sandig und Folkert Uhde. Ihr privates Kunstzentrum Radialsystem V funkelt mit den geschliffen geraden Kanten seines historischen roten Klinkerkörpers und der mit ihm verschmelzende Glasgalerie wie ein Edelstein am Band der Spree. Bei der Eröffnung, am 9.September 2006 schwebten die beiden Männer hier, gleich neben der Eastside-Gallery und zehn Minuten vom Hauptbahnhof, an einem Drahtseil über den Fluss – Sinnbild für die Abgründe, über die sie sich bei der Umbaufinanzierung für das alte Pumpwerk immer wieder hatten hinwegsetzen müssen. Initiator und Architekt des Bauensembles ist Gerhard Spangenberg. Mit seinen lichtdurchfluteten Studios, dem Sonnendeck im 3. Stock, der Spreeterrasse und dem Bootssteg ist das Haus heute offen, nicht nur zum Wasser hin sondern auch für neue Ideen.
Wie zum Beispiel für die „Nachtmusiken“, Konzerte, bei denen die Zuhörer die Klänge auf Yogamatten auf dem Boden liegend auf sich einwirken lassen können. Alle Räume sind schnell zu verwandeln und für Tagungen ebenso so gut wie für Konzerte aller Art, Tanzveranstaltungen, Theateraufführungen und vieles mehr zu nutzen. Am liebsten haben es Sandig und Uhde, wenn alle Räume mitspielen müssen, wie bei dem von der Zentralen Intelligenz-Agentur veranstalteten dreitägigen Festival-Camp „9 to 5. Wir nennen es Arbeit“ oder bei der auf die Architektur zugeschnittenen Performance-Konzert-Installation „Dialoge 06-Radiale Systeme“, in deren Verlauf die Choreographin Sasha Waltz mit zusammen 56 Musikern und Tänzern das ganze Haus zum Klingen brachte.
„Das Haus ist der Star“, konstatieren die beiden Gesellschafter. Jede Inszenierung hier muss die Wirkung dieses malerischen Gebäudes und des Flusses einkalkulieren. Aber wirkt sich die Präsenz am Wasser auch auf die aus, die hier tagtäglich arbeiten? „Nur selten kann ich mich an der Reling niederlassen und die Besucherperspektive einnehmen“, sagt eine Angestellte, „aber immer wenn ich mal dazu komme, hab' ich das Gefühl, ich sitz' direkt am Meer“.
Die Arena in Treptow, Industriearchitektur aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, gilt mit mehreren Hallen, Ausstellungsräumen und Clubs heute längst als vielseitigster Kulturstandort Berlins, ein charmanter Platz für Aufführungen, Konzerte, Partys und Gala-Abende. 1994 als der bisherige Schauspieler Falk Walter ein ausrangiertes Busdepot im einstigen DDR-Grenzstreifen als ideales Gebäude für ein eigenes Theater aufspürt, ist es für ihn erst nur ein willkommener Zufall, dass es sich am Wasser erstreckt.
Die anschließend unter zahlreichen denkmalspflegerischen Auflagen umgebaute Halle bietet sich mit ihren über 7000 qm für Rieseninszenierungen an. Im Herbst 2000, als hier Peter-Stein mit seinem 19-stündigen Faust-Marathon Einzug hält, müssen die Zuschauer zwischendurch verpflegt werden. Die MS Deutschland kommt angeschwommen und wird, rundum renoviert, als Restaurantschiff Hoppetosse erster arena-Standort direkt auf der Spree. 2004 folgt das Badeschiff. Im Sommer Pool, im Winter Sauna, verwandelt es sich mit seinem hölzernen galerieähnlichen Vorbau bisweilen auch in eine ideale Überwasserbühne.
Nach den Erfolgen der Konzerte und Filmvorführungen auf dem Badeschiff wagt sich das arena-Team mit seinen Projekten immer weiter auf den Fluss hinaus. Klassische Orchester, aber auch Tanzcombos, Sänger und einmal eine Harfenistin treten auf dem Badeschiff oder schwimmenden Inseln auf. Jedesmal müssen die Veranstalter beträchtliche Sicherheitsauflagen erfüllen. Da werden Extrageländer gezogen und Rettungsschwimmer bringen sich in Position, um eventuell ins Wasser fallende Künstler wieder herauszufischen. Als nächstes plant die Arena entlang des 600m langen ehemaligen Grenzsteges einen eigenen Yachthafen.
Ganz im Zeitgeist und im Einklang mit dem Erstarken der bildenden Künste in Berlin arbeitet der Berliner Rechtsanwalt und Kunstliebhaber Sven Hermannn an einem neuen Zentrum für Zeitgenössische Kunst . Das Gebäude, welches er für seine Schauhallen Berlin fand, verspricht einen Kunstkomplex der Superlative. Es handelt sich um die 12.000 qm große einstige AEG-Transformatorenfabrik direkt an der Spree in Berlin Oberschöneweide. Diese Industrievorstadt wurde in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts unter dem Industriepionier Emil Rathenau zur europäischen Elektropolis.
Der neue Kunstkomplex soll die wichtigsten Akteure der modernen Gegenwartskunst zusammenführen, Kuratoren, Galeristen, Sammler und Kunstinteressierte. Vorgesehen sind 2500qm für private Kunstsammlungen, ein sich über 700 laufende Meter erstreckendes Depot, 4320 qm Raum für 15 international agierende Galerien, sowie Ausstellungen wechselnder Gastmuseen.
Um die einstigen AEG-Hallen herum entsteht heute eine völlig neuen Infrastruktur zum Flanieren, zur Erholung und zum Kunstgenuss. Ein neuer Stadtplatz mit Schiffs- und Bootsanleger breitet sich aus, mit Liegewiese, Skulpturengarten und Uferwanderweg, Orte, für die in der künftigen Schauhallen-Caféteria Picknickkörbe ausgegeben werden sollen. Die neue Brücke „Kaisersteg“ führt Fußgänger und Radfahrer in Minuten zur S-Bahnstation auf dem gegenüberliegenden Ufer. Der nach dem 2. Weltkrieg verödete Bezirk mausert sich zu einem lebendigen Zentrum. Er liegt direkt an der Straße vom neuen Flughafen Schönefeld BBI zum Hauptbahnhof. Ab 2010 soll die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) mit 6000 Studenten hier die denkmalgeschützten Wilhelminenhöfe bevölkern.
Die neue Kunst-Pilgerstätte trifft in Oberschöneweide bereits auf eine gewachsene örtliche Szene. Da unterhält die Künstlergemeinde Factory-Berlin in den weiträumigen Studios für alle Kunstgattungen, auch für Tanz, Film, Fotografie und Theater für Einheimische und ausländische Gäste auf Zeit. In einem Gebäude direkt am Fluss bietet die Karl Hofer-Gesellschaft Gästen und Stipendiaten in einer Atelieretage mit angrenzender Galerie auf 1200 qm ein Art-In-Residence-Programm. Zu ihren jährlichen Sommerfesten kommen die Gäste per Schiff und genießen den weiten Horizont.
Barbara Kerneck hat Slawistik, Literaturwissenschaften und Politologie studiert. Von 1988-2000 arbeitete sie als Auslandskorrespondentin mit eigenem Büro von Moskau aus für das KURSBUCH und die taz in Deutschland und die Zeitschriften FACTS, NZZ-Folio und DU in der Schweiz. Sie verfasste 5 Bücher über Themen aus dem modernen Russland. Heute schreibt sie in Berlin über die Auswirkungen von Kunst und Wissenschaft auf das Alltagsleben und das Alltagsleben als Kunst und Wissenschaft.
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