„Und er zeigte mir einen lauteren Strom des lebendigen Wassers, klar wie ein Kristall; der ging aus von dem Stuhl Gottes… Und wen dürstet der komme und wer da will der nehme das Wasser des Lebens umsonst“ (Offenbarung des Johannes 22). In vielen Religionen werden die Flüsse von einem göttlichen Wesen beherrscht, sind selbst von göttlichem Wesen oder symbolisieren das Göttliche. Wasser garantiert nicht nur das Überleben im tatsächlichen Sinne, sondern steht auch für das Geistige und die Kraft zur geistigen Erneuerung.
Ob es im christlichen Abendland das Wasser des Jordan ist, das Johannes der Täufer den ersten Christen über den Kopf träufelte, um sie dem Schutz Gottes zu befehlen und an seinem Geist teilhaben zu lassen. Oder ob es das Wasser der heiligen Quelle in Lourdes ist, das Tausende in kleinen Plastikkanistern horten, um damit Krankheiten zu besiegen oder sich buchstäblich den Glauben einzuverleiben, in einer Unmittelbarkeit, wie sie der Buddhismus lehrt: »Wenn du das Wesen des Wassers verstehen willst, dann trink es.“
Als ebenso Heil bringend gilt das Osterwasser, das in der Morgendämmerung des Ostertages schweigend aus einer Quelle geschöpft wird, die von Osten her, von da wo Licht und Tag herkommen, aus der Erde strömt. Auch die katholischen Priester weihen in ihren Kirchen das Wasser in der Osternacht und erhöhen so noch seine Symbolik der Erneuerung, Wiedergeburt, Auferstehung. Laden es mit der sakralen Bedeutung auf, die es schon in der Schöpfungsgeschichte besitzt. „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster in der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.“ (1.Buch Mose)
Viele Wallfahrtskirchen sind über Quellen errichtet, die schon den Germanen heilig waren, bewohnt von Wassergöttern/geistern, denen man Opfer brachte. Mit dem Christentum übernahm die Jungfrau Maria deren Stellung und wurde Schutzpatronin vieler dieser Brunnenkapellen.
In Schiltach im Schwarzwald kam es im Rahmen des Hansgrohe Wassersymposiums 2008 zu einer Wiederbelebung vorchristlicher animistischer Riten, als eine geladene Schamanin ein Dankritual zu Ehren des Flusses Kinzig abhielt, bei dem sie dem Fluss Steine zum Dank für seine Gaben darbrachte. Vieles in der christlichen Symbolik hat einen heidnischen Kern und auch der Kult um das Wasser von Lourdes hat durchaus Züge einer Götzenanbetung, aber das ging der Kirche dann doch zu weit:
„Flüsse, wie Berge, Blumen und anderes, gehören nach christlichem Verständnis zum Bereich des Geschaffenen, das heißt, sie verdanken sich allesamt Gott dem Schöpfer, dem allein Verehrung und Dank gebührt. Einem Fluss Dank darzubringen, stellt vor diesem Hintergrund eine Verwechslung von Schöpfer und Geschöpf dar“.
Natürlich steht Wasser schon immer auch für die negative Gegenkraft zur Schöpfung, zum Werden von Leben. Dieselbe Offenbarung des Johannes, die vom lebendigen Wasser spricht, erzählt auch von den vier Racheengeln, gebunden an den großen Strom Euphrat, die losgebunden werden, um mit entfesselter Kraft gegen die sündige Menschheit zu wüten und ein Drittel von ihr auszulöschen.
Der berühmteste Fluss, der für den Übergang vom Leben in den Tod steht, ist der Acheron, der „Fluss des Leides“, über den der Fährmann Charon die toten Seelen befördert, damit sie in den Hades eingehen und der das Wasser ihrer Tränen führt. In vielen Kulturen gehören zur kultischen Verehrung eines Flusses oder einer Quelle auch Opferrituale, die die dämonischen Kräfte des Wassers bannen und besänftigen sollen.
In der Saale wohnt zum Beispiel Herr Nickert, die moderne Variante des skandinavischen Flussgottes Nöck oder Neck, dessen Name sich etymologisch von lateinisch necare, töten herleiten lässt. Zuletzt wurde Herr Nickert im Jahre 1806 beim Baden im Fluss gesehen. Inzwischen hat sich seine dämonische Wildheit gelegt und er benimmt sich, wie sein Name schon ahnen lässt, recht zivilisiert. Auch wenn er immer wieder mal ein Ruderboot im Kreis wirbeln lässt. In der grauen Vorzeit unserer germanischen Vorfahren war seine Unberechenbarkeit jedoch so gefürchtet, dass man zu seiner Besänftigung einmal im Jahr einen Menschen opferte und anschließend wilde Tänze in seinen Fluten aufführte.
Viel später wurde aus diesem grausigen Ritual der Großwirschlebener Saaletanz, ein fröhliches Dorffest, das noch bis Ende des 19.Jahrunderts gefeiert wurde: Am Mittwoch nach Pfingsten, der Ankunft des heiligen Geistes, reinigte man zunächst die Dorfbrunnen, dann zog man in einer Prozession zum Fluss, um selbst zu baden und symbolisch ein Mädchen zu tauchen. Eine nette Geste gegenüber Herrn Nickert, um ihn milde zu stimmen.
Für unsre Gerste, unsern Roggen,
Ist meistens jedes Jahr zu trocken.
Oh guter, lieber Nickermann,
Sieh unser Dörfchen gnädig an.
Auch das Oberndorfer Schifferstechen hat seinen Ursprung wohl in einem Opferritual für den Flussgott der Salzach. Denn früher wurde dieses Volksritual, bei dem mit Lanzen bewaffnete „Schiffsritter“ versuchen einander vom Boot ins Wasser zu stoßen, nur im Winter durchgeführt, wobei der erste Schiffbrüchige nicht gerettet werden durfte.
Die Nixe ist das weibliche Pendant zum Neck oder Nöck. Die berühmteste Flussnixe ist zweifellos die Loreley, die am Rheinufer sitzt und ihr Haar kämmt und damit Schiffer in den Tod lockt, die abgelenkt von ihrer Schönheit, in die gefährlichen Strudel des Flusses geraten und sein Opfer werden.
Ich weiß nicht was soll es bedeuten
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.
Heinrich Heine
Flussnixen sind wie die Sirenen des Odysseus, sie verkörpern die gefährliche und verführerische Macht des Wassers. Der Mensch hat sich ihrer entledigt, wie er auch die anderen Naturgeister vertrieben hat: durch Lichtung der Wälder, intensive Bebauung des Bodens, mit Glockengeläut und Baulärm. Den Nixen wurde endgültig der Garaus gemacht, indem man ihre Lieblingsorte schleifte: Den Nixenstein bei Strehla in der Elbe sprengte man 1936, zur selben Zeit wie die Felsen bei der Loreley, an denen immer wieder Schiffe zerschellten. Und schlug dabei folgende Warnung eines romantischen Geistes in den Wind:
Wenn du es wagst, allein am Elbufer entlang zu spazieren, mag der Vollmond scheinen oder mögen Stürme das Wasser aufwirbeln, so denke stets daran: Von überallher können sie plötzlich erscheinen, die Geister, die sich am Ufer oder auf dem Grund des Stromes so wohl fühlen. Und siehst du sie auch nur vor deinem inneren Auge, Wanderer, nimm sie ernst! Erhalte sie am Leben, die unzähligen Geschöpfe der Fantasie, indem du dein Wissen über sie weitergibst.
Sandra Prechtel hat Vergleichende Literaturwissenschaft, Politologie und Filmwissenschaft in München, London und Berlin studiert.
Nach Studienabschluss folgten Praktika beim jetzt-Magazin und Zeitmagazin sowei ein Redaktionsvolontariat beim SFB. Seitdem arbeitet sie als freie Autorin für Print, Funk und Fernsehen. Seit 2003 ist sie Regisseurin und Autorin von Dokumentarfilmen. (ND- Deutsches Neuland, MDR 2004, Sportsfreund Lötzsch, BR/arte 2007).
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