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      Wasserwelten

      Flussbäder Berlin
      von Jörg Welke

      Baden in der Spree - im 21. Jahr- hundert nicht minder gefährlich als im ausgehenden 18. Jahrhundert. Heute sind es eher die Verschmut- zungen im Hauptstadtfluss, die Schwimmer abschrecken. Vor 200 Jahren waren es wohl die mangeln- den Schwimmkünste der Berliner, die das Berliner Polizeidirektorium veranlasste, wiederholt das Eintau- chen in die Spreefluten zu unter- sagen. Daher galt: Schwimmen „... wird hiermit bey harter Ahndung un- tersagt und sollen die Übertreter die- ses Verbots sofort arritirt werden“. Wer es sich leisten konnte, suchte Zuflucht in den entfernten Bade- orten.

      Wildes Baden in der Spree an der Jannowitzbrücke, ca. 1920 - Abb. Unbekannt

      Um auch dem Badebedürfnis des Durchschnittsberliners zu entgegen, initiierte 1803 Stadtphysikus Dr. Ge- org Adolph Welper den Bau eines schwimmenden Badehauses im klas- sischen Stil. Das Badeschiff war wie alle weiteren Badeanstalten in der Mitte nach unten offen und nicht als geschlossenes Bassin konstruiert, so dass sich Badende direkt im Spree- wasser befanden. In der Mitte waren Badezellen installiert. Diese waren auf den Breit- und Schmalseiten des Schiffes durch einen Umgang ver- bunden, den zum Wasser hin do- risch-ionische Säulen schmückten. Die Baderäume waren in vier Klas- sen eingeteilt. Die erste Klasse bot den Luxus von Papiertapeten und gemalten Decken, Lampen aus Ala- baster und bis zum Boden reichen- den Spiegeln. „Personen mit zwe- ifelhaftem Ruf“ wurde es untersagt, das Schiff zu betreten.

      Welpersches Badeschiff - Abb. Stiftung Stadtmuseum Berlin

      Der Preußische General und Politiker Ernst von Pfuel gründete vierzehn Jahre später in der Köpenicker Stra- ße 12, nicht weit von der Oberbaum- brücke, seine Militärunterrichts- und Schwimmanstalt, die über hundert Jahre lang existierte.

      Pfuelsche Badeanstalt - Abb. Stiftung Stadtmuseum Berlin
      Pfuelsche Badeanstalt, Zeichnung ca. 1882 - Abb. Stiftung Stadtmuseum Berlin

      Von Pfuel gilt als offizieller Erfinder des Brustschwimmens. Wer sich bei ihm ein „Diplom der Schwimmkunst“ verdienen wollte, musste einmal quer über die Spree und wieder zu- rück schwimmen, die an dieser Stel- le über 100 Meter breit ist. Fast 70.000 Militärangehörige und Zivilis- ten lernten hier in den folgenden 50 Jahren das Schwimmen. Die Pfuel- sche Badeanstalt wirkte typenbil- dend für Berliner Flussbadeanstal- ten. Sie war auf Pfählen gegründet und besaß ein von allen Seiten um- schlossenes Wasserbecken. Dies war der Moralauffassung der Zeit geschuldet, die Blicke von außen auf das „Badetreiben“ nicht duldete.

      Ernst von Pfuel, © Bibliothèque publique et universitaire, Neuchâtel

      Von Pfuel hielt das Brustschwimmen für die effektivste Methode der Fort- bewegung im Wasser. „Der Frosch ist ein vortrefflicher Schwimmer, und unser Lehrmeister ist gefunden, denn die Beschaffenheit seines Kör- pers ähnelt in den Teilen, welche hauptsächlich zum Schwimmen noth- wendig sind, sehr der des Men- schen.“

      Der Frosch als Vorbild für den Schwimmunterricht - Abb. LURI©LURI

      Pfuel machte die Angel-Lehrweise populär, wobei der Anfänger in ei- nem Gurt hängt und auf Kommando die verschiedenen Schwimmbewe- gungen ausführt, zuerst auf einem Hocker am Beckenrand und dann im Wasser. Es war jedoch nicht einfach, seine Rekruten zum Sprung in das kühle Nass zu bewegen: „Viele ver- legten sich auf's Kapituliren, um ein langsames Hineinlassen zu gewinnen und den Kopf vor dem Untertauchen zu retten, andere sahen trübsinnig hinunter wie in's Grab, und wurden blaß und bläßer, so wie der Meister seine Aufmunterung steigerte; noch andern klopfte das Herz, daß der Gurt sich bewegte, und einer schlug sogar ein großes Kreuz über sich, um doch christlich zu enden.“

      Honoré Daumier, Schwimmunterricht, aus der Serie "Les Baigneurs", 1841, Lithographie

      Auf Höhe des Schlosses Bellevue im Tiergarten wurde 1831 das erste Frauenbad, die Lutzesche Schwimm- und Badeanstalt, an der Moabiter Brücke errichtet. Die „Hallorin“ Ama- lie Lutze leitete diese Anstalt. Die Halloren stammten ursprünglich aus Halle an der Saale und arbeiteten in den dortigen Salinen. Die sich durch das Sieden der Sole auf der Haut bil- dende Salzkruste konnte nur mit Wasser beseitigt werden. Damit wa- ren die Halloren zu Beginn der Auf- klärung die einzigen Männer und Frauen in Deutschland, die sich mit Wasser wuschen und auch die Kunst des Schwimmens beherrschten. Nachdem nun die körperliche Reini- gung mit Wasser wieder populär ge- worden war, fanden Halloren als Schwimmlehrer und Bademeister im ganzen Land Beschäftigung.

      Lutzesche Schwimm- und Badeanstalt an der Moabiter Brücke - Abb. Stiftung Stadtmuseum Berlin

      Die Komponistin Fanny Hensel schreibt an ihren Bruder Felix Men- delssohn: „Mein größtes Vergnügen ist jetzt alle Tage in der Spree zu baden, wozu nahe bei Moabit eine sehr hübsche, von einer Hallerin geleitete Anstalt ist, in der auch Schwimmen gelehrt wird. Hier sieht man eine große Anzahl zum Theil recht hübsche Berlinerinnen als voll- kommene Najaden mit nassen Haa- ren plätschern was sich allerliebst ausnimmt.“

      Fanny Hensel, geb. Mendelssohn

      1826 unternahm ein Schulvorsteher den ersten – vergeblichen – Ver- such, Gelder der Stadt für den Bau einer öffentlichen Badeanstalt zu er- halten. Erst 1850 stimmten die Stadtverordneten dem Bau der ers- ten städtischen Flussbadeanstalt und damit der Förderung des Badens als einer kommunalen Aufgabe zu. Die- se Badeanstalt nahe der Waisenbrü- cke in Form eines aufgestellten Ba- deprahms, d. h. eines flachen, durch Feldsteine ausgleichend stabilisierten Schwimmkörpers, stand Männern zur kostenlosen Benutzung zur Verfügung.

      Badeanstalt vor dem Stralauer Tor im heutigen Berliner Osthafen

      In den Folgejahren setzte sich diese Entwicklung mit neu eröffneten Ba- deanstalten in der Burgstraße, an der Stadtschleuse hinter den Wer- derschen Mühlen sowie am Nordha- fen des Berlin-Spandauer Schiff- fahrtskanals durch. Eine links-libera- le Mehrheit in der Berliner Stadtver- ordnetenversammlung ermöglichte ab 1862 eine programmatische, so- ziale Innenpolitik. So konnten 1863 und 1865 auch die ersten Badean- stalten für Frauen in Betrieb genom- men werden.

      Schwimmer in der Rummelsburger Bucht

      Alle bis dahin von der Stadt errichte- ten Einrichtungen waren als schwim- mende Flussbadeanstalten auf Prah- men aufgebaut. Damit war eine Ver- legung mit relativ geringem Aufwand möglich, wenn wirtschaftliche Inter- essen an Gewässer- und Ufernut- zung dies erforderten. 1873 verord- nete ein Magistratsbeschluss, dass die Ableitung des Regenwassers so- wie der gesamten häuslichen und gewerblichen Abwässer nach den Entwürfen des Baurates Hobrecht zu erfolgen habe. Danach wurden Fäkalien und Abwässer nur noch selten der Spree und den Kanälen zugeführt, sondern auf Rieselfelder der weiteren Umgebung gepumpt. Die Fertigstellung des Abwassersys- tems beeinflusste die Bademöglich- keiten in den Berliner Gewässern direkt. Hatte die Wasserverschmut- zung bereits Schließungen von Ba- deanstalten zur Folge gehabt, konn- ten besonders in der Unterspree wieder Verbesserungen der Wasser- beschaffenheit erzielt werden.

      Im Jahr 1885 erbaute Badeprahme an der Cuvrystraße - Abb. Stiftung Stadtmuseum Berlin

      1885 sah ein weiterer Magistratsbe- schluss „die Vergrößerung der vor- handenen und die Errichtung neuer Badeanstalten nunmehr planmäßig“ vor, um der zunehmenden Bevölke- rung und wachsenden Beliebtheit der Bäder Rechnung zu tragen. Die acht bis dahin vorhandenen reichten nicht mehr aus. 1905 unterhielt die Stadt- verwaltung bereits 15 Flussbadean- stalten mit 18 Bassins, zehn für Män- ner, sieben für Frauen und eines ab- wechselnd für beide Geschlechter.

      Das Deutsche Bad an der Elsenbrücke

      Eine Sensation hielt die Sachsesche Flussbadeanstalt an der Lohmühlen- insel bereit. Hier konnten mit Hilfe einer Dampfmaschine künstliche Wellen erzeugt werden. 1849 durch den Kaufmann Maaß erbaut, wurde sie 1863 von einem weiteren Kauf- mann, Herrn Sachse, übernommen. Das Schwimmbassin war von allen Seiten durch ein Badegebäude um- rahmt, eine Holzkonstruktion mit Aussichtsturm und wehenden Fah- nen. Im Inneren gab es Umkleideka- binen und Sitzgelegenheiten. Ein überdachter Laufgang, ähnlich einer Arkade, führte um das gesamte Schwimmbecken, so dass man von allen Seiten ins Wasser steigen kon- nte. Männer und Frauen konnten das Bad gemeinsam nutzen, um sich zu vergnügen und zu reinigen.

      Sachsesche Flussbadeanstalt

      Das Bad hatte eine weitere Attraktion: das abendliche „Lichttauchen“. Jeder Badende wurde auf Wunsch mit einer Lampe, dem Unterwasserlicht für Taucher, das in Berlin erfunden und erstmals im Sachseschen Schwimmbad getestet wurde, ausgestattet, um sich damit im und unter Wasser zu tummeln. Das „Sachsesche Wellenbad“ blieb noch bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts bestehen. Aufgrund des katastrophalen bakteriologischen Zustands des Spreewassers wurden sämtliche Flussbadeanstalten im Bereich Alt-Berlin nach einem Magistratsbeschluss vom 20. Mai 1925 geschlossen.








      weiter mit Quer durch Berlin!

      Lichttauchen in der Sachseschen Flussbadeanstalt
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      Ausstellungspartner des
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      balancity - EXPO 2010
      EXPO 2010 'Better City, Better Life'