Die Spree – der deutsche Haupt- stadtfluss. Ohne sie gäbe es nicht Berlin. Auf ihrem 396 km langen Weg von der Quelle bis zur Mündung durchquert sie die Bundesländer Sachsen, Brandenburg und Berlin. Zusammen mit Hedwig Korte hat der Schriftsteller und Filmemacher Gerd Conradt den Fluss erkundet und des- sen Geschichten zu einem Buch wer- den lassen. „An der Spree“ enthält Geschichten von Menschen die eng mit dem Fluss verbunden sind. Au- thentische Gespräche geben Ein- blick: Baudenwirt, Ortschronist, Fo- tograf, Sorbistin, Talsperrenmeister, Kanusportler, Bergmann, Olympia- siegerin, der Mann unter der Weide, Fischer, Unternehmer, Filmregisseur, Landschaftsarchitekt, Schauspieler- Sohn, Leichhardt- und Fontanefor- scher – ein Kaleidoskop unterschied- licher Biografien entlang dem blauen Band der Spree.
Drei Quellorte hat die Spree: Spree- born-Ebersbach, Am Volksbad Neu- gersdorf, Auf dem Kottmarberg - Walddorf. Frieder Heinrich, der Bau- denwirt am Kottmar, wünscht sich, dass jeder Berliner wenigstens ein- mal in seinem Leben eine der Spree- quellen besuchen sollte. Heinrich: „Dieses Ehrenmal für die Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg hat mich schon immer beeindruckt. Es ist ein passender Rahmen, um gefallene Soldaten zu ehren und seine Trauer zu zeigen. Die Quelle eines Flusses ist ein Anziehungspunkt für viele Menschen an dem man auf das Dra- ma des Krieges hinweisen kann. Krieg ist sicher das Schlimmste, was man erleben kann.“
Conradt erforscht in seinem Buch auch die Geschichten rund um die Spree. Zum Beispiel den Namen: Die Wenden nannten den Fluss Spro- wo, die Böhmen Spro, die Oberwen- den Rieza, die Lateiner Suevus. Ur- sprünglich wird die Spree erstmals 1237 als Zsprea erwähnt. Spätere Forschungen leiten den Namen von Srjipawa (Sorbenfluss) ab. Nach an- deren Quellen könnte der Name Spree auch im germanischen Sprew – spritzen, sprühen, sprudeln – sei- nen Ursprung haben. Im Englischen bedeutet „spree“ eine amüsante Tour, eine Orgie.
Conradt hat viele Menschen am Fluss befragt. Dr. Susanne Hose ist Sorbistin am sorbischen Institut Bautzen. Sie erforscht die Geschich- te der Sorben und fördert die kultu- relle Beständigkeit dieses eigenstän- digen Volkes in der Lausitz. Dr. Ho- se: „Die Spree hat eine enge Bezie- hung zu den Sorben, die Sorben ha- ben eine enge Beziehung zur Spree.“ Im Zuge der Völkerwande- rung im 6., 7. Jahrhundert sind etwa 20 sorbische Stämme aus ihrer Ur- heimat nördlich der Karpaten einge- wandert und haben auch die Lausitz bevölkert. In der heutigen Nieder- lausitz siedelten sich die Lusizer an, die Lausitzer. Der sorbische Dichter Brìzan sagt: „Das Wasser der Welt- meere wäre ein anderes, würde es nicht auch das Wasser der Spree aufnehmen.“
In Burg im Spreewald hat Gerd Con- radt Dr. Manfred Werban getroffen. Er ist „der Mann unter der Weide“, das zumindest besagt sein sorbi- scher Name. Der Bodenkundler war der erste Leiter des UNESCO-Bio- sphärenreservates Spreewald. Er wohnt an einem der 300 Nebenarme der Spree. „Als Kinder sind wir, kaum dass wir richtig stehen konn- ten, im Kahn gestakt worden. Er war unser Kinderwagen.“ Dr. Werban setzt sich für den Erhalt seiner Hei- mat und die Pflege der Spree ein. Bei einer Anhörung im Bundestag warnte er: „Die Spree fließt rück- wärts. Der Spreewald mit seinen Mooren reinigt das Wasser und lie- fert bestes Trinkwasser, Güteklasse 1.“ Wenn der Spreewald trocken fällt, dann wird es für die Hauptstadt schlimm.
Auf seinem literarischen Weg ent- lang der Spree kann Conradt nicht an der legendären Spreewaldgurke vorbei. Er erfährt dabei, woher der Begriff „saure Gurkenzeit“ kommt. Dieser Begriff wurde von den Berli- nern entwickelt. In der armen Jah- reszeit im Winter wurden die Men- schen in der preußischen Hauptstadt mit der eingelegten Vitaminbombe aus dem Spreewald überfüttert. Ihnen fehlte die Abwechslung. In Lübbenau wurde 1903 die Vergärung der sauren Gurke erfunden. Ein Apo- theker erfand das Sticheln der Gur- ken. Dadurch erzielt man einen schnelleren Gärungsprozess. Wenn man eine saure Gurke isst muss der Nachbar nass werden – so knackig muss sie sein. Die original Spree- waldgurke wird in Salzwasser, fri- schen Dill, Zwiebeln und Kirschblät- tern in Fässer eingelegt. Es ist eine kräuterbetonte, auf keinen Fall zu saure Gurke.
Conradt traute seinen Augen nicht, als er dieses Bild vom Fischer Wolf- gang Richter am Neuendorfer See und dessen Freunden sah. Fünf rie- sige Welse hatten sie aus der Spree geholt. Richter: „Der Wels ist ein majestätischer Fisch. Sein wohl- schmeckendes Fleisch ist so gut wie grätenlos. Große Welse filettieren wir und verkaufen sie Stückweise. Der Wels kann über 80 Jahre alt werden. Der größte, den wir gefan- gen haben, wog 49 Kilo und war 22 Jahre alt.“
An vielen Stellen der Spree hat Con- radt Sportler getroffen. In einem kleinen Ort unmittelbar vor den To- ren Berlins hat einer der traditions- reichsten Ruderclubs der Region sein Bootshaus: Beeskow 1920 e.V. Der Ruderclub ist mehr als ein Sportver- ein. Er ist einer der Mittelpunkte des gesellschaftlichen Lebens des Ortes. Jedes Jahr unternimmt der Verein eine Reise ins Ausland. Für viele Sportsfreunde aus aller Welt ist das Bootshaus Anlaufpunkt.
Das im Bauhausstil errichtete Boots- haus wurde Pfingsten 1933 feierlich eingeweiht, im zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 2008 im ur- sprünglichen Stil wiederaufgebaut. Einer der langjährigen Vorsitzenden des Vereins, Eberhard Keil, charak- terisiert die Spree: „Sie ist urwüch- sig geblieben. Außer Wasserdörfern gibt es wenig Bebauung am Ufer. Die Gehöfte gehen bis zur Spree hi- nunter, dicke Schilfgürtel und Kie- fernwälder säumen ihre Ufer.“
Conradt und die Spree erreichen Berlin. Hier trifft er den Entrepreneur Falk Walter, Chef der Berliner Ver- anstaltungshalle arena, des Bade- schiffes und des unweit der Spree gelegenen und jüngst renovierten Admiralspalastes. Walters Leben ist eng mit der Spree verbunden. Er wuchs in der Spree-Stadt Cottbus auf und lernte als Kind dort im Fluss schwimmen. Sein Vater war leiden- schaftlicher Angler und nahm Falk und dessen Bruder oft mit ans Ufer. Walter: „Am Ufer der Spree erlebe ich alle Facetten des Umgangs mit dem Wasser. Auch seine Bedeutung für die Stadt. Jeder der die Möglich- keit hat, einen Liegstuhl in Richtung Spree zu lenken, tut dies. Die Stadt wendet sich dem Fluss zu.“
Die rasante Montage mit der Tykwer mit seinem Filmfeuerwerk „Lola rennt“ die Oberbaumbrücke porträ- tiert, gehört zu den besten Szenen des Films. Mit seinem unterhaltsa- men publikumswirksamen Film über postmodernen Realitätsverlust, über Zeit und Zufall, schrieb der Wahlber- liner aus Wuppertal deutsche Filmge- schichte. Tykwer: „Wuppertal liegt an der Wupper; Berlin an der Spree. Städte ohne Flüsse sind undenkbar. Film und Fluss sind Freunde, fließen in Zeit und Raum.“
An der „Berliner Badewanne“, dem Müggelsee, am östlichen Eingangstor zur Stadt, trifft Conradt die Wasser- spezialistin Dr. Birgit Fritz. Sie ist zu- ständig für die Beurteilung der Was- serqualität der Spree in Berlin. Wie beurteilt Dr. Fritz das Berliner Was- ser? „Es ist hervorragend. Viele Städte wären froh, wenn sie ein so wunderbares Wasser hätten. In Deutschland gibt es eine sehr stren- ge Trinkwasserverordnung. Das Wasser wird streng kontrolliert und muss hohen Qualitätskriterien ent- sprechen. Das Berliner Wasser liegt weit unter den Richtwerten. Jeder Berliner kann das Wasser ohne Be- denken aus dem Hahn trinken. Es wird täglich frisch geliefert.“
Den Mann auf diesem Bild konnte Gerd Conradt nicht mehr treffen. Es handelt sich um den Schauspieler Heinrich George, der in dem Film „Schleppzug M17“ einen Binnenschif- fer auf der Spree spielt. Der Film er- zählt die Geschichte von Kapitän Henner Classen und seiner Familie, die mit ihrem Kahn am Kai zu Füßen des Berliner Doms festgemacht ha- ben und dort mit dem morbiden Le- ben der Großstadt konfrontiert wer- den. Conradt schreibt dazu in sei- nem Buch: „Aus heutiger Sicht be- steht der besondere Wert des Films vor allem in den unersetzbaren Auf- nahmen von Berlin und Umgebung vor dem Krieg. Ungewöhnlich ist dabei die Perspektive des Films – der Blick aus einem Spreekahn auf die Stadt und den Fluss.“
Ein neuer Blick auf die Spree, eine Entdeckungsreise zu Landschaften, zu Orten und Menschen. Mit Beiträ- gen von Karin Büttner-Janz, Laurenz Demps, Gotthardt Erler, Jan George, Susanne Hose, Tom Tykwer,
Jochen
Schümann und vielen anderen.
200 Seiten, Format 22x20 cm, 240
Abb., davon 32 vierfarbig, gebunden
Transit Buchverlag
€ 19,80 (D) / CHF 34,80
ISBN 3-88747-201-2
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