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      Wasserwelten

      87 Tage Blau
      (Auszüge aus dem Buch
      87 Tage Blau von Peter Schanz)

      2.Tag: Dunkerque
      Port Ouest Quai de Flandres

      Mein Schiff fährt Container um die Welt. Sie hat einen englischen Namen, einen deutschen Reeder und eine liberianische Flagge, die sie noch nie zu Hause zeigen konnte. Sie ist aufgewachsen auf einer chi- nesischen Werft, hat einen italieni- schen Charterer, einen Obermaschi- nisten aus Polen, einen 1. Offizier aus Kroatien, einen 2. Ingenieur aus Litauen, einen russischen Bordelek- triker. Und dann hat sie neunzehn Männer aus Burma, das man jetzt Myanmar nennen soll. Der Kapitän kommt aus Deutschland. Unsere Rettungsinseln auch, aus 37632 Eschershausen. Die Bordbibel ist ein Geschenk der Schweizer Seemanns- mission.

      Hafenwasser Dunkerque © www.bildkultur.de

      9.Tag: Nordatlantik
      41°18‘N 50°12‘W

      Dieses Hineinfahren ins Schwarze in die Schwärze in das Nichts dieses einfach Draufzuhalten auf das Loch – du siehst nicht wo sie hinfährt – was ist das für ein ungeheurer Schlund – du siehst nicht wo du hineingerätst – was ist das für ein unverschämter Sog – tu nicht so als würde es sie nicht geben – was ist das für ein geiles Ziehen – natürlich gibt es die – du hast sie doch gehört – du warst doch schon bereit du warst doch schon fast rüber – Nein: wir wollen keinen Gott versuchen, wir wollen auch nicht kokettieren. Aber wir wissen jetzt, da unten sitzt eine und ruft: komm.
      Wir sind außer uns. Wir sind jetzt geweiht, geläutert im Sturm.

      Atlantikwasser © www.bildkultur.de

      15.Tag: Savannah GA
      Savannah River
      Garden City Terminal

      Was haben wir hier zu suchen auf den Wiesen, zwischen den Häusern, unter den Brücken? Wie aufdringlich promenieren wir vor Dachgeschoss- fenstern! Das macht man doch nicht. Was haben wir verloren auf einem Fluss? Nein wir gehören hier nicht hin. Aber nirgendwo sonst ist die Schlepper-Form schnörkellos schli- chter aufs rechteckige Ur-Oval ge- bracht. Gleichzeitig behaupten die tugs, die uns auf den Haken neh- men, in Farbgebung und Detail ein sattwürziges Südstaaten-Selbst- bewusstsein. Ob man je im Leben den Satz „Meinen schönsten Schlep- per habe ich in Savannah gesehen“ wird aussprechen können, ohne als ein prätentiöses Arschloch zu gelten?

      Flußwasser Savannah River © www.bildkultur.de

      24.Tag: Pazifik
      2°42‘S 107°18‘W

      Wer ewig nach Westen fährt, muss verdammt viele Sonnenuntergänge aushalten. Abend für Abend fährt man in sie hinein. Alle Röten der Untergehenden: die Abziehbild- orgie universellsten Kitsches. Eigentlich.
      Nach drei Wochen erwarten wir große Abgestumpftheit. Von wegen. In tiefer lauterer Empfindung klebt der Seemann sein Herz unter die Wolken, sieht in den Bildern am Himmel alle seine Frauen und wartet auf das grüne Leuchten. Da fahr ich nun seit 47 Jahren zur See, sagt der Kapitän, und seine stahlblauen Augen beginnen erst zu flattern und saufen schließlich ab. Mit seinem kleinen Fotoapparat ist er auch heute dabei. Und schon ist die Sonne weg, Tadschikistan mit Morgenröte zu beglücken.

      Pazifikwasser © www.bildkultur.de

      30.Tag: Papeete Tahiti
      Motu Uta

      Tahiti leuchtet. Ein einzig Keimen Sprießen Schwellen Bersten. Regen Sonne Wasserfall. Alles grünt in allen Grüns. Wenn das nicht Gottes Paradiesgärtlein ist – wo sonst? Man mag sich vorstellen, wie der frühe Seemann nach Monaten Brackwas- ser und Pökelfraß, nach Scheißerei und Zahnausfall, nachdem er jeden zweiten seiner Kollegen an Pest hat abkratzen sehen und ihn mit über die Kante hat schieben helfen, wie dieser alte Seemann hier in die blü- hende Landschaft sinkt und gen Himmel sieht: und die gebratenen Schweine fliegen ihm ins Maul und die Weiber tropfen von den Bäumen. Da heißt es Gott zu loben, preisen und zu danken.
      Bis dann der Missionar kommt.

      Hafenwasser Papeete © www.bildkultur.de

      42.Tag: Nouméa
      Neukaledonien
      Port Autonome Quai de Commerce

      Nachts im Hafen ist man am besten selbst ein Container. Es sei denn ein großer Kran. Oder ein dicker Gabel- stapler. Alles andere ist gemein ge- fährlich. Ferner ist es gut, schlecht zu hören; es lärmt infernalisch.
      Wer sich vor Sattelschleppern in Containerschluchten retten will, muss gewärtigen, dass plötzlich von oben eine Killerkrake sich nieder- schwingt, lautlos im allgemeinen Krach. An guten Tagen aber ist das wüste Treiben geniales Tanztheater. Graziles Maschinenballett! Doch gab es schon Seeleute, die mit blanken Nerven auf einen Kran schossen, weil sie dessen penetrantes Alarm- signal nicht mehr hören konnten. Andere liehen sich zuhause von ihren Kindern die Spielzeugsirene, weil sie das vertraute Alarmsignal nicht mehr hören konnten.

      Hafenwasser Nouméa © www.bildkultur.de

      47.Tag: Sydney, Australien
      Port Botany Brotherson Dock

      Sydneys Hafen ist der weltberühm- te: Port Jackson. Sydney hat aber auch einen Lieferantenhafen: Botany Bay, und das ist unsrer. Das darf so nicht stehen bleiben. Das geht nicht – also in aller Frühe raus aus unse- rem 2. Wahl-Port, quer durch die Stadt in den wahren Hafen auf die nächste beste Fähre, rausfahren – und noch einmal einlaufen!
      O herrliches downunder! Eine Frau war Kapitän. O schlotterndes Glück in der Morgenwindsonne! Eine Frau war Leinenwerfer und -festmacher. O klarstes Licht, o viele Wasser,
      o begnadete Anwesen. Ein Mann riss die Karten ab. Die klassischen An- blicke: Port Jackson! Die Hafen- brücke! Die opera! Das wird ja im- mer schöner! Das ist doch wahr- haftig die schönste Hafeneinfahrt unter der Sonne.

      Hafenwasser Sydney © www.bildkultur.de

      53.Tag: Southern Ocean
      35°11‘S 116°20‘O

      Bin ich froh, dass es heute Eintopf gibt. Auf jedem Schiff, das einen deutschen Kapitän hat, wie mutter- seelenallein auch immer der sein mag, gibt es heute Eintopf.
      Egal, ob wir nun richtig deutsch fahren oderzweitregisterdeutsch oder liberianisch- panamesisch- honduranisch- oder- wie- auch- immer- billigverflaggt – wo noch ein Fünkchen Deutschtum herrscht: heute Eintopf. Überall, auf allen Meeren. Und wenn Eintopf auf den Tisch kommt, dann weiß jeder, dass morgen Sonntag ist. Garantiert.
      Der Eintopf ist der Kalender des Seemanns und der Koch sein zuver- lässiger Wärter. Niemals würde ein Koch an einem Dienstag Eintopf of- ferieren. Eintopf heißt: wieder eine Woche vorbei. Und: morgen gibts Eis zum Nachtisch. Garantiert.

      Indikwasser © www.bildkultur.de

      59.Tag: Javasee
      5°16‘S 107°06‘O

      Ich habe Nirwana gesehen. Es liegt etwa drei Seemeilen vor der Hafen- ausfahrt von Jakarta, ein bisschen westlich vom Fahrwasser, genau auf 6°02‘S und 106°51‘O. Ehrlich ge- sagt, ist dieses Nirwana eher ein großes Büschel Schilf denn eine Insel. Aber in unserer Seekarte steht es ganz deutlich. Überhaupt Seekarten! Sie erzählen von Riffs und von Wracks, von gefährlichen Strömungen, von rettenden Ufern und von der Befindlichkeit see- fahrender Namensgeber. Seekarten sagen dem Seemann, wo er um Gottes Willen keinen Anker werfen und wo er nun bitte endlich den Lotsen rufen soll. Und dann ist auch eingezeichnet – mit Bleistift – wann und wo der Kapitän zu wecken ist. Nirwana hat er noch nie verschlafen.

      Pazifikwasser © www.bildkultur.de

      69.Tag: Indischer Ozean
      11°36‘N 53°44‘O

      Dein Mond steht direkt über dir. Das bisschen Schatten, das du wirfst, das siehst du zwischen deinen Füßen. Dein Mond steht auch inmitten eines gewaltigen Loches im Himmel. Das Loch ist eingefasst durch einen ge- schlossenen Ring aus Regenbogen. Zwischen Ring und Wasser auf Erden ist Himmel, zwischen Ring und Mond ist Loch. Mutternatur / schreibt ihren Söhnen / aufsee / ihr Geschlecht / in den Himmel. Aufgeschlossen ist das Firmament. Ein urweltliches Zeichen, das zum Glauben niederstreckt. Ein Sog von überschüttender Erfüllung. Da mussten die Alten zu großen Taten aufbrechen: Ozeane ent- decken, Außerirdische begrüßen, himmlische Frieden schließen.

      Indikwasser © www.bildkultur.de

      73.Tag: Golf von Suez
      29°02‘N 32°51‘O

      In aller Herrgottsfrühe sägt die Son- ne den Sinai aus der Nacht. Keine ½ Stunde bleibt er scharf, dann ver- geht er im Dunst des Tages. Die letzten Minuten ist seine ganze kahle Schroffheit unbarmherzig ausge- leuchtet. Das kündet eher vom Ende der Welt denn von ihrer Schöpfung. Das verkündet 40 Jahre Wüste, das spricht von Leid und Müh und Strafe! Strafe! Strafe! Wie kurz und gut und leicht hatten es noch vor fünf Wo- chen die Maori: Ein Vogel ließ ein Ei in die Ursee fallen. Es zerbrach, und heraus kamen ein Mann, eine Frau, ein Knabe, ein Mädchen, ein Schwein, ein Hund und ein Kanu. Alle stiegen in das Kanu und kamen damit nach Neuseeland.
      Wir nach Ägypten.

      Rotes Meer Wasser © www.bildkultur.de

      85.Tag: Der Kanal
      50°08‘N 1°06‘W

      Halt das wars! Das ist jetzt nicht mehr neu! Hier waren wir schon!
      Die Rundung ist perfekt. Wir sind am Ende. Wir haben gesehen. Wir haben erkannt. Was jetzt folgt, ist nur noch Dreingabe, ist Auslaufen, ist Rück- bildungsgymnastik. Etwas ist merk- würdig am Umdieweltfahren:
      der Weg führt nur voraus, er führt von Anfang an nach Hause. Und er ist mit großen Erfahrungen und guten Erkenntnissen gepflastert. Ich habe gelernt, dass auf der südlichen Halbkugel der Mond andersrum liegt und die Bärte nach oben wachsen, dass Fische fliegen und Wale kotzen können, dass die Datumsgrenze rot ist, dass es keine gelben Container gibt, dass Gott einen Bruder hat und Wasser Balken, und dass die Erde rund ist.

      Atlantikwasser © www.bildkultur.de
      Peter Schanz: 87 Tage Blau

      Über das Buch

      87 Tage blau

      Alle Fotos: Peter Schanz, mit freundlicher Genehmigung zur vorübergehenden Nutzung durch www.bildkultur.de

      Gebundene Ausgabe: 63 Seiten
      Verlag: Sanssouci
      Auflage: 1 (August 2003)
      Sprache: Deutsch
      ISBN-10: 3725412820
      ISBN-13: 978-3725412822
      Größe und/oder Gewicht:
      22,6 x 19,6 x 1 cm

      Zu kaufen überall im Buchhandel oder z. B. bei www.amazon.de





























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