Mein Schiff fährt Container um die Welt. Sie hat einen englischen Namen, einen deutschen Reeder und eine liberianische Flagge, die sie noch nie zu Hause zeigen konnte. Sie ist aufgewachsen auf einer chi- nesischen Werft, hat einen italieni- schen Charterer, einen Obermaschi- nisten aus Polen, einen 1. Offizier aus Kroatien, einen 2. Ingenieur aus Litauen, einen russischen Bordelek- triker. Und dann hat sie neunzehn Männer aus Burma, das man jetzt Myanmar nennen soll. Der Kapitän kommt aus Deutschland. Unsere Rettungsinseln auch, aus 37632 Eschershausen. Die Bordbibel ist ein Geschenk der Schweizer Seemanns- mission.
Dieses Hineinfahren ins Schwarze in
die Schwärze in das Nichts dieses
einfach Draufzuhalten auf das Loch –
du siehst nicht wo sie hinfährt – was
ist das für ein ungeheurer Schlund –
du siehst nicht wo du hineingerätst –
was ist das für ein unverschämter
Sog – tu nicht so als würde es sie
nicht geben – was ist das für ein
geiles Ziehen – natürlich gibt es die
– du hast sie doch gehört – du warst
doch schon bereit du warst doch
schon fast rüber – Nein: wir wollen
keinen Gott versuchen, wir wollen
auch nicht kokettieren. Aber wir
wissen jetzt, da unten sitzt eine und
ruft: komm.
Wir sind außer uns. Wir sind jetzt
geweiht, geläutert im Sturm.
Was haben wir hier zu suchen auf den Wiesen, zwischen den Häusern, unter den Brücken? Wie aufdringlich promenieren wir vor Dachgeschoss- fenstern! Das macht man doch nicht. Was haben wir verloren auf einem Fluss? Nein wir gehören hier nicht hin. Aber nirgendwo sonst ist die Schlepper-Form schnörkellos schli- chter aufs rechteckige Ur-Oval ge- bracht. Gleichzeitig behaupten die tugs, die uns auf den Haken neh- men, in Farbgebung und Detail ein sattwürziges Südstaaten-Selbst- bewusstsein. Ob man je im Leben den Satz „Meinen schönsten Schlep- per habe ich in Savannah gesehen“ wird aussprechen können, ohne als ein prätentiöses Arschloch zu gelten?
Wer ewig nach Westen fährt, muss
verdammt viele Sonnenuntergänge
aushalten. Abend für Abend fährt
man in sie hinein. Alle Röten
der Untergehenden: die Abziehbild-
orgie universellsten Kitsches.
Eigentlich.
Nach drei Wochen erwarten wir
große Abgestumpftheit. Von wegen.
In tiefer lauterer Empfindung klebt
der Seemann sein Herz unter die
Wolken, sieht in den Bildern am
Himmel alle seine Frauen und wartet
auf das grüne Leuchten. Da fahr ich
nun seit 47 Jahren zur See, sagt der
Kapitän, und seine stahlblauen
Augen beginnen erst zu flattern und
saufen schließlich ab. Mit seinem
kleinen Fotoapparat ist er auch
heute dabei. Und schon ist die Sonne
weg, Tadschikistan mit Morgenröte
zu beglücken.
Tahiti leuchtet. Ein einzig Keimen
Sprießen Schwellen Bersten. Regen
Sonne Wasserfall. Alles grünt in
allen Grüns. Wenn das nicht Gottes
Paradiesgärtlein ist – wo sonst? Man
mag sich vorstellen, wie der frühe
Seemann nach Monaten Brackwas-
ser und Pökelfraß, nach Scheißerei
und Zahnausfall, nachdem er jeden
zweiten seiner Kollegen an Pest hat
abkratzen sehen und ihn mit über
die Kante hat schieben helfen, wie
dieser alte Seemann hier in die blü-
hende Landschaft sinkt und gen
Himmel sieht: und die gebratenen
Schweine fliegen ihm ins Maul und
die Weiber tropfen von den Bäumen.
Da heißt es Gott zu loben, preisen
und zu danken.
Bis dann der Missionar kommt.
Nachts im Hafen ist man am besten
selbst ein Container. Es sei denn ein
großer Kran. Oder ein dicker Gabel-
stapler. Alles andere ist gemein ge-
fährlich. Ferner ist es gut, schlecht
zu hören; es lärmt infernalisch.
Wer sich vor Sattelschleppern in
Containerschluchten retten will, muss
gewärtigen, dass plötzlich von
oben eine Killerkrake sich nieder-
schwingt, lautlos im allgemeinen
Krach. An guten Tagen aber ist das
wüste Treiben geniales Tanztheater.
Graziles Maschinenballett! Doch gab
es schon Seeleute, die mit blanken
Nerven auf einen Kran schossen,
weil sie dessen penetrantes Alarm-
signal nicht mehr hören konnten.
Andere liehen sich zuhause von
ihren Kindern die Spielzeugsirene,
weil sie das vertraute Alarmsignal
nicht mehr hören konnten.
Sydneys Hafen ist der weltberühm-
te: Port Jackson. Sydney hat aber
auch einen Lieferantenhafen: Botany
Bay, und das ist unsrer. Das darf so
nicht stehen bleiben. Das geht nicht
– also in aller Frühe raus aus unse-
rem 2. Wahl-Port, quer durch die
Stadt in den wahren Hafen auf die
nächste beste Fähre, rausfahren –
und noch einmal einlaufen!
O herrliches downunder! Eine Frau
war Kapitän. O schlotterndes Glück
in der Morgenwindsonne! Eine Frau
war Leinenwerfer und -festmacher.
O klarstes Licht, o viele Wasser,
o begnadete Anwesen. Ein Mann riss
die Karten ab. Die klassischen An-
blicke: Port Jackson! Die Hafen-
brücke! Die opera! Das wird ja im-
mer schöner! Das ist doch wahr-
haftig die schönste Hafeneinfahrt
unter der Sonne.
Bin ich froh, dass es heute Eintopf
gibt. Auf jedem Schiff, das einen
deutschen Kapitän hat, wie mutter-
seelenallein auch immer der sein
mag, gibt es heute Eintopf.
Egal, ob wir nun richtig deutsch
fahren oderzweitregisterdeutsch
oder liberianisch- panamesisch-
honduranisch- oder- wie- auch-
immer- billigverflaggt – wo noch ein
Fünkchen Deutschtum herrscht:
heute Eintopf. Überall, auf allen
Meeren. Und wenn Eintopf auf den
Tisch kommt, dann weiß jeder, dass
morgen Sonntag ist. Garantiert.
Der Eintopf ist der Kalender des
Seemanns und der Koch sein zuver-
lässiger Wärter. Niemals würde ein
Koch an einem Dienstag Eintopf of-
ferieren. Eintopf heißt: wieder eine
Woche vorbei. Und: morgen gibts Eis
zum Nachtisch. Garantiert.
Ich habe Nirwana gesehen. Es liegt etwa drei Seemeilen vor der Hafen- ausfahrt von Jakarta, ein bisschen westlich vom Fahrwasser, genau auf 6°02‘S und 106°51‘O. Ehrlich ge- sagt, ist dieses Nirwana eher ein großes Büschel Schilf denn eine Insel. Aber in unserer Seekarte steht es ganz deutlich. Überhaupt Seekarten! Sie erzählen von Riffs und von Wracks, von gefährlichen Strömungen, von rettenden Ufern und von der Befindlichkeit see- fahrender Namensgeber. Seekarten sagen dem Seemann, wo er um Gottes Willen keinen Anker werfen und wo er nun bitte endlich den Lotsen rufen soll. Und dann ist auch eingezeichnet – mit Bleistift – wann und wo der Kapitän zu wecken ist. Nirwana hat er noch nie verschlafen.
Dein Mond steht direkt über dir. Das bisschen Schatten, das du wirfst, das siehst du zwischen deinen Füßen. Dein Mond steht auch inmitten eines gewaltigen Loches im Himmel. Das Loch ist eingefasst durch einen ge- schlossenen Ring aus Regenbogen. Zwischen Ring und Wasser auf Erden ist Himmel, zwischen Ring und Mond ist Loch. Mutternatur / schreibt ihren Söhnen / aufsee / ihr Geschlecht / in den Himmel. Aufgeschlossen ist das Firmament. Ein urweltliches Zeichen, das zum Glauben niederstreckt. Ein Sog von überschüttender Erfüllung. Da mussten die Alten zu großen Taten aufbrechen: Ozeane ent- decken, Außerirdische begrüßen, himmlische Frieden schließen.
In aller Herrgottsfrühe sägt die Son-
ne den Sinai aus der Nacht. Keine ½
Stunde bleibt er scharf, dann ver-
geht er im Dunst des Tages. Die
letzten Minuten ist seine ganze kahle
Schroffheit unbarmherzig ausge-
leuchtet. Das kündet eher vom Ende
der Welt denn von ihrer Schöpfung.
Das verkündet 40 Jahre Wüste, das
spricht von Leid und Müh und Strafe!
Strafe! Strafe! Wie kurz und gut und
leicht hatten es noch vor fünf Wo-
chen die Maori: Ein Vogel ließ ein Ei
in die Ursee fallen. Es zerbrach, und
heraus kamen ein Mann, eine Frau,
ein Knabe, ein Mädchen, ein
Schwein, ein Hund und ein Kanu.
Alle stiegen in das Kanu und kamen
damit nach Neuseeland.
Wir nach Ägypten.
Halt das wars! Das ist jetzt nicht
mehr neu! Hier waren wir schon!
Die Rundung ist perfekt. Wir sind am
Ende. Wir haben gesehen. Wir haben
erkannt. Was jetzt folgt, ist nur noch
Dreingabe, ist Auslaufen, ist Rück-
bildungsgymnastik. Etwas ist merk-
würdig am Umdieweltfahren:
der Weg führt nur voraus, er führt
von Anfang an nach Hause. Und er
ist mit großen Erfahrungen und
guten Erkenntnissen gepflastert. Ich
habe gelernt, dass auf der südlichen
Halbkugel der Mond andersrum liegt
und die Bärte nach oben wachsen,
dass Fische fliegen und Wale kotzen
können, dass die Datumsgrenze rot
ist, dass es keine gelben Container
gibt, dass Gott einen Bruder hat und
Wasser Balken, und dass die Erde
rund ist.
Alle Fotos: Peter Schanz, mit freundlicher Genehmigung zur vorübergehenden Nutzung durch www.bildkultur.de
Gebundene Ausgabe: 63 Seiten
Verlag: Sanssouci
Auflage: 1 (August 2003)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3725412820
ISBN-13: 978-3725412822
Größe und/oder Gewicht:
22,6 x 19,6 x 1 cm
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